„Und warum wollt ihr wieder Feinde sein?“ fragte das Christkind

Das Z (der Standort der Bibliothek_A) ist wie auch in den letzten Monaten weiterhin geschlossen. Seit Dienstag (01.12.20) sind nun auch alle anderen Büchereien und Bibliotheken in Bayern geschlossen, eine von vielen Anti-Corona-Maßnahmen. Deshalb ist unser Medium des Monats, wieder ein digitales, aber diesmal ein historisches:

Eisner, Kurt: Gesammelte Schriften (Veröffentlicht 1919)

Das im Internetportal bavarikon frei zugängliche Werk empfehlen wir als Vertiefungslektüre zur Weihnachtslesung der Geschichtswerkstatt. Unter dem Motto „Stille Nacht, heilige Nacht, Arbeitsvolk aufgewacht“ werden am kommenden Sonntag ab 19:00 Uhr auf live.askakneipe.de historischer Weihnachtstexte aus der Arbeiter*innenbewegung gelesen. In der Ankündigung zur Lesung heißt es:

„In den vor rund hundert Jahren erschienen Texten wird der kapitalistischen, rauen und unmenschlichen Wirklichkeit der Jahre vor, während und nach dem ersten Weltkrieg, die Sehnsucht nach einem neuen Miteinander und friedlichen Zusammenleben gegenübergestellt. Ergänzt wird die Lesung durch eine wissenschaftliche Einordnung in das historische Geschehen.“

Gelesen werden Texte aus den syndikalistischen Zeitschriften „Proletarisches Kinderland“, „Die schaffende Frau“, „Junge Menschheit“ und „Wahrheit“ sowie Texte von Erich Mühsam und eben Kurt Eisner.

Kurt Eisner (1867-1919), der erste demokratische Ministerpräsident Bayerns, war eben nicht nur Politiker sondern vor allem Journalist und Schriftsteller, der die Weihnachtszeit publizistisch nutzte, um den Krieg anzuprangern. Laut Weber erhält er so Zugang zu den „Massen“ indem „er deren Sorgen und Nöte in seinen erzählerischen Interventionen einzubauen in der Lage ist, gleichzeitig die Sprache der Angesprochenen benutzt und das Material ihres Alltagslebens so bearbeitet, dass Empörung, Rebellion und Befreiung wie selbstverständliche Handlungsweisen in einer kriegerischen, ungerechten Klassengesellschaft erscheinen.“ (https://bayern.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/weber_vortrageisner.pdf)
Ein Beispiel ist die an Weihnachten 1916 geschriebene Erzählung „Die vier Könige“ (S. 165-169), in welcher die drei Könige aus dem Morgenlande, sich einig sind, dass gegen Herodes Krieg geführt werden muss:

„Was aber soll aus uns werden, wenn kein Krieg mehr auf Erden ist? Was bedürfen die Menschen dann Herrscher und Eroberer und Feldherren, wenn sie im Frieden sich freuen und keine Grenzen sind zwischen ihnen und der Name Feind stirbt? Wehe uns, käme über uns die Pest des Friedens“ (S.167).

Mit dem Ziel den Herrscher des Friedens zu ermorden,

„begehrten [sie] das Kindlein … in frommer Demut zu schauen, zu beehren und zu beschenken von ihrem Reichtum. Und sie kommen zum Stall, und fallen auf die Knie, vor der Krippe und öffnen ihre Schätze und häufen Gold, Weihrauch und Myrrhen über dem Kindlein“ (ebd.)

Die Mutter danke den Königen und wollte ihr Kind tränken,

da „fand sie es erdrückt unter der schweren Bürde der Gaben, und es weinte nicht mehr und lachte nicht und öffnete nimmer die Augen“ (…) „Die drei Könige aus dem Morgenland aber kehrten heim und verkündeten, daß sie mit sich brächten das große Heil, den Befreier der Welt, und in seinem Namen wollten sie in aller Zukunft den Frieden der Völker verwalten. Darauf brachen sie in Judäa ein und verbrannten das Land und töteten Herodes“. (S.167/168)

Bereits ein Jahr zuvor (1915) steht die Bescherung durchs Christkind im Mittelpunkt der Erzählung „Die Angst der Toten“. Aus dieser stammt das Zitat in der Überschrift („ `Und warum wollt ihr wieder Feinde Sein?` fragte das Christkind“). Diese wird auch Teil der Weihnachtslesung der Geschichtswerkstatt sein.
Beide Geschichten wurden 1919 in Kurt Eisners „Gesammelte Schriften“ wiederveröffentlicht. Die beiden Bände enthalten Eisners publizistisches Schaffen der Jahre 1893 bis Oktober 1918. Eisner bereitete die Ausgabe während seiner Haft 1918 vor. Sie sollte ursprünglich unter dem Titel „Die Träume des Propheten“ erscheinen. Verschiedentlich verfasste er zu den älteren Texten aktuelle Anmerkungen.
Die gesammelten Schriften dokumentieren somit Eisners geistige Entwicklung bis zur Revolution von 1918. Sie enthalten allerdings nicht das gesamte bis dahin entstandene Oeuvre, sondern nur die kleineren Schriften.
Die Ausgabe gliedert sich in vier, thematisch definierte Teile, innerhalb derer die einzelnen Veröffentlichungen in chronologischer Reihenfolge erscheinen:
Band I/Teil 1 „Wir Toten auf Urlaub“ fasst Eisners Schriften über den Ersten Weltkrieg zusammen.
Band I/Teil 2 „Die Heerstraße zum Abgrund“ enthält Schriften zu tagespolitischen Themen von 1893 bis 1914. Dort ist auch die wichtige Auseinandersetzung Eisners mit Karl Kautsky (1854-1938) dokumentiert.
Band II/Teil 3 „Befreiung“ versammelt grundsätzliche Abhandlungen Eisners zu weltanschaulichen Fragen, vor allem zum Sozialismus.
Band II/Teil 4 „Geister“ dokumentiert die Auseinandersetzung Eisners mit Schriftstellern und Philosophen. Die Theaterkritiken gehen teilweise auf seine Tätigkeit als Theaterkritiker bei der Münchner Post (1910-1917) zurück.

(Textende und screenshot https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-CMS-0000000000000560)


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