„AUFKLÄREN UND EINMISCHEN“

Das Buch von NSU watch zum „NSU Komplex und dem Münchner Prozess“ ist unser Medium des Monats September. Passend zum Open Air Kino am Sonntag

Mit dem Mord an Enver Şimşek in Nürnberg am 9. September 2000 begann die NSU-Mordserie (NSU Sprengstoffanschläge und Raubüberfälle gab es seit 1998). Im November 2011 kam die rechtsterroristische Mord- und Anschlagsserie des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) ans Licht. 20 Jahre nach dem ersten Mord und neun Jahre nach dem Bekanntwerden des NSU ist die Aufarbeitung des NSU-Komplexes noch lange nicht abgeschlossen, die Gefahr des rechten Terrors bleibt schrecklich aktuell. Am 6. Mai 2013 begann der Prozess gegen die Beteiligung an der Mordserie der neonazistischen Gruppierung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU):

„Damit begann auch, anderthalb Jahre nachdem der NSU sich am 4.November 2011 selbst enttarnt hatte, die strafrechtliche Aufarbeitung der längsten und tödlichsten Mordserie durch eine neonazistische Vereinigung in Deutschland nach 1945. Die Aufarbeitung auch davon, wie es drei Neonazis – Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt – gelingen konnte, 1998 vor der Polizei zu fliehen und 13 Jahre unerkannt in den sächsischen Städten Chemnitz und Zwickau zu leben, zehn Menschen zu ermorden, drei Bombenanschläge zu verüben, mindestens 26 Menschen zum Teil schwer zu verletzen und mindestens 15 Raubüberfälle zur Finanzierung ihres Untergrundalltags und ihres Terrors zu begehen.“ (Einleitung AUFKLÄREN UND EINMISCHEN, S.14)

NSU-Watch hat den NSU-Prozess beobachtet, jeden Tag protokolliert und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus haben sich Landesprojekte gegründet, die die parlamentarischen Aufklärungsbemühungen begleiten. Dafür wurde der Blog NSU Watch 2020 auch mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.
In dem jetzt erschienenen Buch ist das zentrale Anliegen von NSU-Watch, „die rassistischen Strukturen, die den NSU hervorbrachten, ihn wissentlich oder unwissentlich unterstützten und so zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle zwischen 1998 und 2011 möglich machten, entlang der Geschehnisse und Akteur*innen des NSU-Prozesses in München aufzuzeigen“. Auf  232 Seite, in acht Kapiteln bietet dieses im Verbrecher Verlag geschienene Buch trotz der vielen offen gebliebenen Fragen eine Zwischenbilanz, die antifaschistischer Demokratieförderung zugrunde gelegt werden kann.

Unser Medium des Monats ist das passende Begleitbuch zu dem Film „Spuren – Die Opfer des NSU“ welcher am So, 06.09.20 als-Open Air Kino in der Vetternwirtschaft gezeigt wird. Plätze für die Filmvorführung müssen vorab per Mail an contre.rosenheim[ät]systemli.org reserviert werden. Mit der Bestätigung erhalten die Besucher*innen auch alle Informationen rund um die Corona-Hygieneregeln. Wir veröffentlich im folgenden die Pressemitteilung von contre la tristesse :

Spuren – Die Opfer des NSU
Am Sonntag, 06. September, wird in der Vetternwirtschaft der Dokumentarfilm „Spuren – Die Opfer des NSU“ als Open Air Kino gezeigt. Mit dem Mord an Enver Şimşek in Nürnberg am 9. September 2000 begann vor 20 Jahren die NSU-Mordserie. Während Täter und Taten des rechtsextremen NSU-Terrornetzwerks heute Teil des kollektiven Gedächtnisses sind, ist über die Opfer und ihre Angehörigen nur wenig bekannt. Für den Film hat sich Aysun Bademsoy auf Spurensuche begeben und mit Kindern, Geschwistern und Ehepartnerinnen gesprochen
Zwischen September 2000 und April 2007 wurden acht Männer mit türkischen Wurzeln, ein griechischstämmiger Mann sowie eine deutsche Polizistin ermordet. Die Ermittlungen wurden zunächst ausschließlich im Umfeld der nicht-deutschen Opfer mit Verdacht auf Drogenhandel und organisierte Kriminalität geführt. Die Familien der Ermordeten wurden so ein weiteres Mal zu Opfern, diesmal von vorurteilsvoller Stigmatisierung. Nach einem gescheiterten Bankraub führte die Spur schließlich zu der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Nach dem Suizid der beiden Haupttäter begann 2013 der Prozess gegen die einzige Überlebende des NSU-Trios, Beate Zschäpe, sowie vier mutmaßliche Helfer und Unterstützer. Beim Ende des Prozesses 2018 ließen die zu milden Strafen für die Mitangeklagten und die zahlreichen ungeklärten Fragen die Angehörigen der Opfer enttäuscht und desillusioniert zurück. Ihr Glaube an den Rechtsstaat ist grundlegend erschüttert.
Spuren – das sind nicht nur die Hinweise, die Verbrecher am Tatort hinterlassen, sondern auch die Verletzungen und Narben, die ihre Taten bei den Angehörigen der Opfer, in den migrantischen Gemeinschaften und in der gesamten deutschen Gesellschaft verursachen. In ihrem Dokumentarfilm begibt sich die türkischstämmige Regisseurin Aysun Bademsoy auf die Suche nach diesen Spuren und stellt sich dabei die Frage, welcher Prozess diese Verletzungen überhaupt heilen könnte. „Spuren“ ist ein vielschichtiger Dokumentarfilm, der das Scheitern von Ermittlern und Justiz beleuchtet – und den Angehörigen der Opfer endlich eine Stimme gibt.
Die Filmvorführung in der Vetternwirtschaft (Oberaustr.2, Rosenheim) ist eine Veranstaltung von contre la tristesse in Kooperation mit dem Kurt-Eisner-Verein. Der Eintritt ist frei, der Einlass ist zwischen 19:15 und 19:45 Uhr möglich. Plätze müssen aber vorab per Mail an contre.rosenheim@systemli.org reserviert werden. Mit der Bestätigung erhalten die Besucher*innen auch alle Informationen rund um die Corona-Hygieneregeln.
Weitere Informationen zum Film gibt es im Internet unter: https://salzgeber.de/spuren. Hintergrundinfos zum Veranstaltungsort (https://vfbk.net/) und den Veranstaltern (https://contre.rosenheim.tk & https://bayern.rosalux.de/) sind ebenfalls online zu finden.