Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum – Buch des Monats Juli

Der vor einigen Monaten im ag spak Verlag erschienene Sammelband „Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum“ (ISBN 978-3-940865-32-8) ist unser Buch des Monats Juli. In dem 95 seitigen Buch gehen die Autor*innen vorallem der Frage nach, wie es um die sexuelle Selbstbestimmung insbesondere von Frauen weltweit bestellt ist. Die Herausgeber_innen des Buches sehen in den weltweiten Aktivitäten von radikalen Abtreibungsgegner_innen, die sowohl in Europa als auch in Nord- und Südamerika stattfinden, eine Gefahr für die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen. Verschiedene Autor_innen analysieren Aspekte dieser Einflussnahmen und zeigen auf, wie sich Aktivist_innen und betroffene Berufsgruppen dagegen zur Wehr setzen.

Inhaltsverzeichnis
Grußworte und Einleitung
Jutta Ditfurth: Grußwort
Sybill Schulz: Einleitung
Aktivitäten radikalerAbtreibungsgegner_innen
Anne Thiemann: Sexuelle Selbstbestimmung als Menschenrecht
Gisela Notz: Perspektiven sexueller Selbstbestimmung in der Familienplanung
Hartwig Hohnsbein: Einfluss und Aktivitäten fundamentalistisch-christlicher selbsternannter Lebensschutzorganisationen
Ulli Jentsch, Eike Sanders (apabiz): „Deutschland treibt sich ab“ Christlicher Antifeminismus und „Lebensschutz“-Organisationen in Berlin
Isabel Merchan: Alles für das Leben?
Gisela Notz: Alle Jahre wieder: Die Märsche der Abtreibungsgegner
Christian Fiala: Psychische Gewalt getarnt als freie Meinungsäußerung
Dagmar Herzog: Zur Situation in den USA
Judith Goetz: „If I can‘t abort, it‘s not my revolution“
Gegenmaßnahmen
Carsten Frerk: Das Recht auf reproduktive Gesundheit nach 20 Jahren Wiedervereinigung
Ines P. Scheibe, Karin Bergdoll: Sexuelle Selbstbestimmung – eine alte und doch höchst aktuelle Forderung
Isabel Merchan: Aussichtslose „Bündnispolitik“?
Kirsten Achtelik: Gegen die „Märsche für das Leben“ – eine Erfolgsgeschichte
Juristische Auseinandersetzungen
Sybill Schulz: Information oder Werbung? Juristische Verfahren zum Schwangerschaftsabbruch
Autor_innenregister

In seiner Rezension „Angriff der christlichen Taliban?“ für Telepolis schreibt Peter Nowak über das Buch:

Ein Buch konstatiert eine neue Radikalität der Abtreibungsgegner in Deutschland. Das Spektrum reicht von der extremen Rechten bis in fast alle Bundestagsparteien (…).Es macht auf ein Thema aufmerksam, dass in Deutschland lange Zeit kaum mehr beachtet worden ist. Vorbei scheinen die großen Debatten um den Paragraphen 218, der mit dem Slogan „Mein Bauch gehört mir“ von der Frauenbewegung angegriffen worden ist. 1990 brachte das Thema noch mal Tausende auf die Straße, die forderten, dass im wiedervereinigten Deutschland das Abtreibungsgesetz der DDR Übernommen werden soll. Doch auch hier setzte sich die BRD durch. Nach dem Schwangerschafts- und Familienhilfeänderungsgesetz, das im Oktober 1995 in Kraft trat, bleiben Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich strafbar. Die eng begrenzten Ausnahme sind seitdem umkämpft, denn nicht mehr die Befürworter, sondern die Gegner jeglicher Abtreibung machen seitdem inner- und außerparlamentarisch mobil, wie verschiedene Autoren in dem Buch nachweisen. So hat die CDU/CSU 2008 einen Gesetzesentwurf zur Verhinderung von Spätabtreibungen vorgelegt. 2010 wurden die Bedingungen für die medizinische Indikation verschärft.
1000 Kreuze und Guerillajournalismus der Abtreibungsgegner
Doch auch auf außerparlamentarischer Ebene haben die Abtreibungsgegner in den letzten Jahren ihre Aktivitäten ausgeweitet. Seit einigen Jahren organisieren sie in verschiedenen europäischen Ländern Mitte September sogenannte „Märsche für das Leben“, auf denen weiße Kreuze getragen werden, die aus der Sicht der Abtreibungsgegner die getöteten Kinder symbolisieren sollen. Seit 2011 hat sich die Teilnehmerzahl erhöht und durch die Beteiligung jüngerer Gruppen und Einzelpersonen hat sich auch das Aktionsrepertoire erweitert.
Die Szene der jungen Lebensschützer trifft sich europaweit zu Tagungen und hat auch das Internet als Kampffeld entdeckt. Vorbild der Abtreibungsgegner ist dabei eindeutig die USA, wo sie im Windschatten der von Ronald Reagan ausgerufenen Konservativen Revolution Erfolge verzeichneten, wie die Historikern Dagmar Herzog aufzeigt. Zu den Aktionsfeldern gehört auch ein Guerilla-Journalismus. Danach geben sich Abtreibungsgegnerinnen als hilfesuchende Frauen aus, die dann die Ärzte und das Klinikpersonal dadurch zu kompromittieren versuchen, dass sie ihnen Gesetzesverstöße nachweisen wollen und Videos von Gesprächen ins Netz stellen.
Auch in Deutschland müssen sich Einrichtungen, die legale Abtreibungen durchführen oder die betroffenen Frauen unterstützen, wie Pro Familia oder Balance immer wieder mit Anzeigen der Gegner auseinandersetzen. Aufhänger ist dabei der Paragraph 219 a des Strafgesetzbuches, der Werbung für eine Abtreibung unter Strafe stellt. Damit kann schon die Information über eine Einrichtung, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt, kriminalisiert werden, stellt die Gesundheitsberatung Sybill Schulz fest. Weiterhin versuchen Abtreibungsgegner, Frauen auch vor den Einrichtungen direkt anzusprechen und moralisch unter Druck zu setzen, was von dem österreichischen Arzt Christian Fiala als psychische Gewalt beschrieben wird, die als freie Meinungsäußerung getarnt wird.
Dass dieses unterschiedliche Repertoire der Abtreibungsgegner ihre Wirkung nicht verfehlt, wird an mehreren Stellen im Buch deutlich. So musste das Familienzentrum Balance ihre Webpräsenz verändern. Viele der von der Einrichtung angeschriebenen Ärzte und Pro-Choic- Einrichtungen, die ins Visier der Gegner geraten sind, wollen darüber in der Öffentlichkeit nicht sprechen. Die Befürchtung ist groß, dass heute eine offensive Propagierung des feministischen Grundsatzes „Mein Bauch gehört mir“ wieder mit Stigmatisierung und gesellschaftlicher Ausgrenzung verbunden ist. (…)
Aber auch jenseits von persönlicher Courage hat die Offensive der „christlichen Taliban“ zur Entstehung einer neuen politischen Bewegung geführt, die das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung propagiert. Als Beispiele werden in dem Buch oft sehr kreative Aktionen anlässlich der Märsche der Abtreibungsgegner genannt aufgeführt. Ein Höhepunkt waren eine Großdemonstration und zahlreiche Aktionen anlässlich des Papstbesuches 2011 in Berlin und auch in anderen Städten. Auch dass es nun nach mehr als zwei Jahrzehnten wieder ein Buch gibt, das die Szene der Abtreibungsgegner analysiert und kritisiert, kann als Zeichen für ein neues Selbstbewusstsein de Pro-Choice-Bewegung interpretiert werden

Für alle deren Interesse wir nun geweckt haben, dokumentieren wir im folgenden das Vorwort von Jutta Ditfurth

Endlich gibt es dieses Buch
Viel zu lange wurden sie geschont. Dieses Buch belegt, wie aggressiv und lebensgefährlich organisierte AbtreibungsgegnerInnen in Deutschland, Europa und der Welt inzwischen vorgehen. Mit ideologischer, juristischer und körperlicher Gewalt greifen sie ÄrztInnen und Beratungseinrichtungen an. Wie fast alle rechtspopulistischen, rechtsradikalen und faschistischen Organisationen nutzen sie das Internet, um diejenigen, die das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen verteidigen, einzuschüchtern.

Erschreckend eng verbunden sind sie einigen PolitikerInnen und längst, ähnlich dem Rassismus, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In diesem Buch erfahren wir neben vielem anderen, auf welche Institutionen und Berufsgruppen AbtreibungsgegnerInnen abzielen und welche Interessen sich hinter ihnen verbergen. – Endlich gibt es ein Buch wie dieses.
1988 tobte die Auseinandersetzung um das Recht auf Abtreibung anlässlich des Memminger Prozesses gegen einen Arzt, der Abtreibungen vorgenommen hatte. Ich fand die defensive, moralische, mitleidheischende Verteidigungstaktik, die etliche wählten gefährlich. Statt die beschuldigten Frauen selbstbewusst zu verteidigen, bettelten manche um Mitleid: ‚Versteht sie doch, Frau arm, Mann arbeitslos, Wohnung zu klein…‘ usw. Im Umkehrschluss bestritt das aber jeder Frau ohne soziale Notlage das Recht, über’s Kinderkriegen selbst zu entscheiden. Aber dieses Recht von Frauen auf sexuelle Selbstbestimmung und auf reproduktive Freiheit, welche die Wahlfreiheit unauflöslich beinhalten, ist ihr Menschenrecht.
So sagte ich 1988 in einem Interview: »Ich bin sechsunddreißig, da finde ich zwei Abtreibungen auf ein lustvolles, knapp zwanzigjähriges Geschlechtsleben relativ wenig«. Ich ließ das feige Wörtchen ‚leider‘ weg. Eine schlichte, sachliche Feststellung. Die Provokation gelang und beförderte eine offenene, härtere aber eben auch aufklärerische Diskussion.
Jeder Feministin schlägt heute an allen Fronten das Rollback ins Gesicht. Beispiel: Seit rund 40 Jahren bin ich politisch und seit rund 30 Jahren publizistisch aktiv. Hinter den Kulissen der »Bearbeitung« und Fälschung meiner Biografie bei Wikipedia brandete zeitweilig eine aberwitzige Diskussion über »meine Abtreibungen« auf, offensichtlich viel wichtiger als jede meiner politischen Analysen. Irgendwelche rechten, dummen Männer wollten noch nachträglich gern über mein Leben entscheiden.

Bei Wikiquote gibt es läppische zwei Zitate von mir, eines ist das oben genannte. Die rechtspopulistische ZDF-Kabarettistin Monika Gruber griff sich 2010 das 22 Jahre alte Zitat, verfälschte den Text, gab es als aktuell aus und sagte: Da »… kam auch noch Jutta Ditfurth aus der Versenkung aufgetaucht … wenn ich schon so Sätze höre wie: ‚Ich bin stolz darauf, abgetrieben zu haben‘. … Mensch Mädel, was soll das sein, ein Euphemismus für: Ich war zu blöd regelmässig die Pille zu nehmen? Frau Ditfurth! Tun Sie uns uns der ganzen Welt einen Gefallen und … machen Sie einen Trommelkurs gegen vaginale Trockenheit«. Im Frühjahr 2012 fragte mich Jan Grossarth, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in einem Gespräch über anderes unvermittelt, ob ich abgetrieben habe. »Wie oft haben Sie in Ihrem Leben onaniert und damit mögliches menschliches Leben vergeudet?« fragte ich zurück. Mit roten Ohren wechselte er das Thema.
Gruber und Grossarth zeigen nur zwei der unzähligen Gesichter des anti-emanzipatorischen Rollbacks. Noch gibt es keine neue selbstbewusste feministische Bewegung, die sich öffentlich und in bestem Sinne schamlos wehrt. Aber dieses Buch mit seinen wertvollen Erfahrungen und Einschätzungen, mit den seltenen historischen Einblicken, die es gewährt, kann dabei helfen, bessere Zeiten vorzubereiten.

Wir haben diesen Sammelband zu unserem Buch des Monats Juli ausgewählt, da am Do 25.07.2013 in Salzburg wieder fundamentalistische AbtreibungsgegnerInnen mit einem sogenannten 1000-Kreuze-MArsch das schwer und lang erkämpfte Frauen*recht auf Schwangerschaftsabbrüche in Frage stellen. Am So 14.07.13 findet übrigens um 19:00 Uhr im Z (linkes Zentrum in Selbstverwaltung, Innstr 45a, Rosenheim) unter dem Motto „1000(-Kreuze-M)Ärsche wegtreten!“ ein Info/Mobiabend über fundamentalistische AbtreibungsgegnerInnen und den Protesten in Salzburg statt.

Das Buch kann absofort im Z durchgeblättert werden, ihr findet es auf dem „Buch des Monats“ Ständer im Z. Zukünfrig ist es unter der Kategorien „+ fem“ ( Gender, Feminismus, Queer) in der Bibliothek_A zufinden.

Autor_in: Diverse, Hrsg = BALANCE (Hg.)
Titel: Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum
Untertitel: Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr?
ISBN 978-3-940865-32-8
Veröffentlichung: 2012
Seiten: 95 S.
Preis: 14,00 €
Verlag: AG Spak